Vermögensverteilung in Deutschland und welche Schlüsse wir daraus ziehen müssen

Dieser Artikel ist auch auf der Website der AG Wirtschaft in der Piratenpartei erschienen.

Sich über die Vermögensverteilung in Deutschland (und in der Welt) Gedanken zu machen, hat nichts mit einer Neiddebatte zu tun, sondern mit der bewussten Umsteuerung der Vermögensverteilung durch die Regierungen.

Paradigmenwechsel bei der Vermƶgensverteilung

SpƤtestens Ronald Reagan hat mit dem ā€žEconomic Recovery Tax Act of 1981ā€œ (ā€žReaganomicsā€œ) durch umfangreiche Steuersenkungen den Anfang gemacht, dass Reiche ihr Vermƶgen drastisch zu Lasten der allgemeinen Bevƶlkerung vermehren kƶnnen.[1]

Dieser Doktrin folgte ab 1982 die Kohlregierung (16 Jahre) gefolgt der Merkelregierung (16 Jahre). Dazwischen gab es eine siebenjƤhrige Unterbrechung mit ā€žRot-Grünā€œ, die als nahezu einzige vermƶgensrelevante Leistung die sogenannte ā€žHartz-Gesetzgebungā€œ durchgesetzt hat.

Eine Gesetzgebung, die einen erheblichen Anteil an der Verarmung der Bevƶlkerung durch die Schaffung eines bedeutenden Niedriglohnsektors bewirkt hat.[2]

Das Druckmittel, um diese Politik umzusetzen, war und ist ein menschenunwürdiges Sanktionsregime.

Das einzig Positive an der ā€žHartz-Gesetzgebungā€œ war die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe II und Sozialhilfe, um ein Rechtsproblem bei der Arbeitsvermittlung zu lƶsen.

Diese fast 40-jährige Periode hatte natürlich Konsequenzen für alle Lebensbereiche. Dazu kam der Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik, der mit enormen Geldtransfers verbunden war.

Bei den 1.000 reichsten Personen, von denen knapp ein Viertel MilliardƤre sind, nahm allein im Jahr 2017 das Vermƶgen um 13 % zu, wƤhrend im gleichen Zeitraum das BIP nur um 2 % stieg. Das Vermƶgen dieser Gruppe belief sich zuvor schon auf 1.177 Mrd. EUR. Zum Vergleich: der Bundeshaushalt belief sich 2018 dazu auf weniger als ein Drittel, 335 Mrd. EUR. [3]
Quelle: Wikipedia

In Deutschland besitzen die 45 reichsten Haushalte so viel wie die gesamte, Ƥrmere HƤlfte der Bevƶlkerung.[4]

Die zwei reichsten Familien in Deutschland (Heister/Albrecht und Klaus-Michael Kühne) besitzen 84 Mrd. USD (ungefähr 84 Mrd. EUR), etwa so viel wie 50% der ärmeren Bevölkerung zusammen.[5]

Der ausschlaggebende Punkt ist, dass sich die Verhältnisse nicht ändern, denn die Politik und die Medien werden umfänglich von den großen Vermögen beeinflusst.

Durch die jetzt stark ansteigende Inflation werden die Brüche nur wesentlich besser sichtbar.

Der Ƥrmere Teil der Bevƶlkerung hat zurzeit keine Chance mehr, seinen Grundbedarf zu decken oder sogar zu sparen.[6]

Zusätzlich wird derweil eine regelrechte Krisenpanik geschürt, die Menschen sehr stark verunsichert.

Die Polykrise

Das alles hat im Wesentlichen nichts damit zu tun, dass eine Corona-Krise über uns hereingebrochen ist, Putin seit Februar 2022 einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt oder der Klimawandel durchschlägt.

Das Problem ist die UnfƤhigkeit – insbesondere der Regierungen –, auf große Krisen angemessen zu reagieren und ist ausschlaggebend dafür, dass sie sich diese Krisen so stark und nahezu unkontrolliert aufheizen.

Die Corona-Pandemie und der von China ausgehende Bruch der Lieferketten hat erhebliche Systemfehler aufgedeckt:

  • Es gibt quasi keine resilienten Lieferketten – wenn ein Schiff im Suezkanal strandet, wird halb Europa
  • Die fehlende WiderstandsfƤhigkeit der Produzenten durch eine AbhƤngigkeit von Billigstanbietern von Waren in China (und Fernost insgesamt).
  • Die konsequente Umstellung auf Just-in-Time-Lieferkette um die Profite zu maximieren.
  • Die VernachlƤssigung der einfachen Erkenntnis, dass die Warentransportwege oftmals sehr lang sind und stƶranfƤllig sind. Die LƤger wurden auf die Transportketten verschoben.
  • Die Marktteilnehmer haben fast alle Risiken, die durch solche AbhƤngigkeiten entstehen, ignoriert.

Europa und Amerika waren insgesamt auf eine Pandemie, deren Eintrittswahrscheinlichkeit seit Jahren vorausgesagt wird, nicht vorbereitet und haben monatelang zugesehen, wie sich die Infektionen nahezu ungehindert ausbreiten konnten.

Es standen nicht einmal den einfachsten Infektionsschutz parat (z.B. ā€žMaskenā€œ – lƤcherlicher Ersatzbegriff: ā€žMund-Nase-Bedeckungā€œ – und Schutzkleidung) in ausreichender Menge zur Verfügung.

Eine Logistik zur BekƤmpfung einer solchen Katastrophe fehlte fast vollstƤndig.

Die Menschen waren daher fast vollständig auf sich allein gestellt und mussten erhebliche Einbußen ihrer Einnahmen hinnehmen, ohne angemessen entschädigt zu werden. Je nach Vermögenslage und Wohnungssituation führte das zu erheblichen Verwerfungen.

Größere Betriebe hingegen, die sich selbst z.B. durch das Lieferkettenproblem quasi vorsätzlich in eine missliche Lage gebracht haben, wurden großzügig mit Milliardenbeträgen unterstützt.

Auch Dienstleister wie die Lufthansa, die stets auf Vorkasse leben, haben die Transportleistung gar nicht erbracht und erstatten bis heute nur widerwillig die Tickets.

Darüber hinaus hat die Lufthansa die Dreistigkeit besessen, 9 Mrd. EUR an staatlicher Unterstützung einzufordern.

Allgemeine Entwicklung

Aus dieser Lage heraus hat sich für die Belegschaften – soweit technisch mƶglich – eine umfassende Kultur des Mobile-Office entwickelt.

Die Unternehmen haben schnell erkannt, welche Einsparungsmöglichkeiten sich bieten, wenn das Büro jetzt auf dem Küchentisch eingerichtet wird und die Kosten nicht erstattet werden, obwohl ein Heimarbeitsgesetz gibt.

Erst jetzt wird auch von Unternehmen echtes Home-Office als eine wichtige Strategie zur Lƶsung ihrer Probleme angesehen und prƤferiert. Die gesamte Arbeitswelt ist im Umbruch, sogar in der Produktion.

Auf der Strecke blieben und bleiben die Mitarbeitenden, die die Kosten (z.B. Strom, Internet, kein Kantinenessen, sonstiger Mehrverbrauch) tragen und ihre sozialen Probleme lösen müssen (Kinderbetreuung, enges und andauerndes Zusammenleben). Die Wohnungen sind in der Regel für diese Dauerlösung ungeeignet.

Der Angriffskrieg auf die Ukraine hat nicht nur zu einer erheblichen Verunsicherung der Bevƶlkerung beigetragen (fehlender Zivilschutz, kaum Resilienz bei der Grundversorgung und Technik), sondern insbesondere als Vorwand gedient, die Preise extrem zu erhƶhen.

Niemand kann erklƤren, warum z.B. der Salat oder das argentinische Steak plƶtzlich doppelt so teuer sind, nur weil in der Ukraine keine Sonnenblumenkerne geerntet werden kƶnnen.

Faktisch besteht weder eine Ɩlknappheit noch eine Gasknappheit, die Produkte werden drastisch teuer, weil die Einkaufspreise künstlich erhƶht wurden.

Dazu tritt ein gewisses Interesse der weltweit agierenden Kriegs- bzw. Rüstungsindustrie, die eigenen Produktionsketten hochzufahren.

Der Klimawandel und die angebliche Energiekrise wirken sich spürbar aus, weil die Fossilindustrie in der Vergangenheit mit ihrem Einfluss auf die Regierungen eine Umstellung auf Wind-, Sonnen- und geothermische Energieerzeugung gezielt unterlaufen hat.

Dieser Einfluss hƤlt auch in der Gegenwart an, vorwiegend durch die umfƤngliche Reaktivierung von Fossil-Kraftwerken.

HƤtten wir – mal abgesehen von aufzubauenden technischen Mƶglichkeiten – vor 30 Jahren angefangen, hier drastisch umzusteuern, hƤtten wir heute keine Probleme mit der Energiegewinnung in Deutschland.

Klar ist aber auch, dass Deutschland gegen den globalen Klimawandel an sich nur einen geringen Beitrag leisten kann.

Allerdings hƤtte ein gut funktionierendes Beispiel einer echten Energiewende weitere LƤnder positiv inspirieren kƶnnen. Denn dann multipliziert sich dieser Effekt.

Als vorübergehende Lösung der finanziellen Probleme der Bevölkerung hat die Bundesregierung den Tankrabatt eingeführt (eine völlig sinnlose Finanzspritze für die Fossilindustrie).

Außerdem wurde das 9-Euro-Ticket aufgelegt. Letzteres hat sich als Verkaufsschlager gezeigt und wird deswegen wieder abgeschafft.

Mal abgesehen von Einmaleffekten ist beim 9-Euro-Ticket klar geworden, dass dieses Ticket umfangreiche MobilitƤt garantiert und andererseits, dass der ƖPV bzw. ƖPNV vƶllig heruntergewirtschaftet worden ist. Letzteres u.a. dank erheblicher Budgettransfers, insbesondere nach Bayern durch die jahrzehntelange Besetzung des Infrastrukturministeriums durch CSU-Minister.

Zuletzt hat die Bundesregierung die sogenannte ā€žGasumlageā€œ aufgelegt, die lediglich die Fehlkalkulationen der GashƤndler auf die Verbraucher verteilt und Unternehmensgewinne absichern soll. Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert.

Alle diese Szenarien haben nichts mit einer weitgehend am Gemeinwohl orientierten Marktwirtschaft zu tun, sondern verteilt weiterhin das Geld des Bürgers auf Unternehmen, Krisen- und Kriegsgewinnler.

Das Geld der Bürger, die sich nicht dagegen wehren können.

Schlussfolgerungen

Dieses Wirtschaftssystem hat sich selbst überlebt und bedarf einer dringenden Erneuerung und einer Umkehr der Vermögensverteilung durch tatsächliche Eingriffe in die Märkte.

Hier sind der Wohnungs- und Energiemarkt als erste zu nennen. Alle natürlichen Monopole der Infrastruktur sind in staatliche Gesellschaften zu überführen, dies gilt letztlich auch für das Gesundheitswesen; ein anderes, ebenso wichtiges Thema.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Reaganomics

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Niedriglohn

[3] https://www.heise.de/tp/news/Obszoener-Reichtum-Die-oberen-1000-haben-jetzt-ueber-eine-Billion-Euro-4152916.html

[4] https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/vermoegen-45-superreiche-besitzen-so-viel-wie-die-halbe-deutsche-bevoelkerung-a-1189111.html

[5] https://www.handelsblatt.com/unternehmen/ranking-2022-die-zehn-reichsten-deutschen/25730214.html

[6] https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/sparkassen-praesident-deutschland-inflation-sparen-100.html