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Ist der 8. Mai ein Gedenktag?

In dieser Frage ist Deutschland immer noch zweigeteilt. Der östliche Teil, zunächst SBZ, später DDR, empfindet einen solchen Gedenktag eher normal. Das Gedenken an den Sieg über den Faschismus war Staatsdoktrin, geprägt vom großen, Roten Bruder, der Millionen an Menschen verloren oder geopfert hat, um Nazideutschland niederzuringen. Alliiert waren die Vier Mächte nur im Kampf gegen das Naziregime und schon im Februar 1945 war in der Konferenz in Jalta klar, dass es eine Nachkriegszeit geben würde, in der jeder getrennte Wege geht; zumindest der sogenannte Westen – vertreten durch die drei Westalliierten – auf der einen und die Russen auf der anderen Seite. Die jeweiligen Systeme waren einfach inkompatibel.

Die DDR hatte einfach per Selbstbekenntnis beschlossen, die Nazivergangenheit abgelegt zu haben. Konsequente durchgeführte Säuberungen, die neben tatsächlichen Nationalsozialisten aber auch Gegner des neuen Regimes betrafen, sollten dies zum Ausdruck bringen. Fortan waren in der DDR alles Antifaschisten.

Im Westen, mit seinem vorwiegend US-amerikanisch geprägten Demokratieverständnis, war das nicht ganz so einfach. Hier hatte man nur halbherzig entnazifiziert. Im Kontext des heraufziehenden Konflikts der Systeme war man sich klar, dass beim Aufbau des eigenen Machtbereiches alte Strukturen nicht vollends geschliffen werden können. Die Organisation Gehlen und seine „Fremden Heere Ost“, die später in den BND mündeten, war so eine Struktur. Was die Frage der Entnazifizierung anging, setzte man vermutlich eher auf eine biologische Lösung (Alter, Krankheit). Von nun an entwickelte sich eine Erinnerungskultur insbesondere an die Judenverfolgung und der Auftrag, dass diese Diktatur nie wiedererrichtet werden kann. Der 8. Mai wurde vielfach eher als Tag der totalen Niederlage gesehen. Noch heute gibt es Menschen, die tatsächlich darüber nachdenken, was die Wehrmacht hätte tun müssen, um zu siegen. Allein der Gedanke an die Möglichkeit birgt Grausen in sich.

Wie war die Welt aus der Sicht des Westberliners? Am 13. August 1961 war Schluss mit lustig und die Mauer um eine ganze Stadt herum wurde gebaut. Einige Tage später gruben sich mit großem Getöse amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie (Kochstr. Ecke Friedrichstr.) in den Asphalt. Gegenüber waren die gepanzerten Fahrzeuge der Sowjets und ihrer deutschen Waffenbrüder zu sehen.

Allen war klar: Das wird ewig dauern.

Eine wie aus der Zeit gefallen Politik garantierte den Status Quo in der Luft, zu Wasser und zu Lande weitere 29 Jahre. Das besetzte Deutschland wurde von allen vier Mächten über ihre Militärmissionen bestreift.
In Potsdam saßen die Briten kurz hinter der Glienicker Brücke in der Seestraße und die Amis in Neu-Fahrland. Letztlich ging das so bis zum Ende der DDR. Nur Wenige sind „im Westen“ seinerzeit auf die Idee gekommen, den 8. Mai als einen Tag der Befreiung zu empfinden.
Eine dieser Ausnahmen war Richard von Weizsäcker, der als Bundespräsident am 8. Mai 1985 [1] eine bemerkenswerte – aber relativ wirkungslos – Rede gehalten hat. Von tradierten Formen trennt man sich offenbar schwer.

Erst jetzt, 75 Jahre später, scheint es möglich, dass man im gesamten, demokratisch vereinten Deutschland den 8. Mai als einen Tag der Befreiung begreift. Berlin hat 2020 diesen Feiertag bereits eingeführt. Es wäre an der Zeit, dass dies bundeseinheitlich geschieht, denn der 8. Mai markiert das Ende eines Unrechtsstaates gigantischen Ausmaßes, dessen Schuld wohl nie wirklich getilgt werden kann.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Zum_40._Jahrestag_der_Beendigung_des_Krieges_in_Europa_und_der_nationalsozialistischen_Gewaltherrschaft